Kulturwandel statt Klimawandel – aber wo bleiben die Visionen?
Die Klimabewegung streckt die Hand aus und bietet der Kultur eine Bühne – wortwörtlich. Auf der Fridays for Future Demo werden Kürzungen im Kulturbereich kritisiert, es stehen Leute aus Kunst und Kultur am Podium und halten Reden. Sollte es nicht umgekehrt sein? Beschwören wir nicht stets das große Potenzial der Kultur, Themen zu setzen und Impulse zu senden? Von der Kulturbühne auf der Klimademo. Nicht ohne Selbstkritik.
In meiner Inbox war eine Einladung für eine Rede am Friday for Future. Ich soll über die Kürzungen in Kunst und Kultur sprechen bei einer Klimademo. Möglichst emotional solle sie sein. Es werden überwiegend Kinder und Jugendliche erwartet. Abgesehen davon, dass Jugendliche wohl das einzige Publikum sind, dass mir den Angstschweiß auf die Stirn treibt, wusste ich nicht wirklich, was ich da erzählen soll. Wir reden meistens übers Geld, mangelnde Budgets, drohende Kürzungen. Aber auf einer Klimademo über den eigenen Klingelbeutel sprechen?
Die Kultur fühlt sich mit dem Rücken zur Wand, aber eine reine Defensive bringt uns da nicht raus. Die Frage der Kultur darf nicht beim Budget stehenbleiben, sondern muss sich Erzählungen zuwenden. Und genau dort – in Bildern, Bedeutungen, „Bühnen“ für Themen – wäre die Stärke der Kultur zu finden. Und ein möglicher Ausweg. Denn die Kultur könnte, oder sollte sogar der Ort sein, an dem eine Gesellschaft lernt, die radikale Realität und die notwendigen Folgen eine Klimakrise zu verarbeiten, daraus Ideen zu entwickeln, zur Sprache zu bringen und Handlungsoptionen zu formulieren, Bilder zu entwerfen und Mut zu gewinnen.
Ohne Kulturwandel ist Klimaschutz nur eine Verwaltung von Verzicht. Und Verwaltung begeistert selten. Die Klimapolitik scheitert nicht an der Technik und auch nicht am Geld, sie scheitert an Gewohnheiten. Die Technologien gibt es schon, darin sie weiterzuentwickeln läge sogar eine Chance, auf einem größer werdenden Wirtschaftszweig führend zu werden. Aber wir diskutieren weiter darüber, ob wir den Verbrenner abschaffen sollen. Hier braucht die Gesellschaft einen Hebel. Wäre Kunst und Kultur dafür nicht prädestiniert? Aber der Kulturbereich wirkt behäbig, wie paralysiert im eigenen Abwehrriegel. Die Schockstarre ist verständlich, angesichts von 60 Millionen an Kürzungen, die bis 2029 erwartet werden.
Wo sind die Handlungsfelder? Es gibt drei Schnittpunkte zwischen dem Thema Klimaschutz und dem Sektor aus Kunst und Kultur: 1. Öffentlichkeit, also Themensetzung und gesellschaftliche Impulse, 2. Administration, beispielsweise Green Events und die eigene Klimabilanz, und 3. Strukturen, das betrifft die gelebte Kulturpolitik, Richtlinien und gelebtes Kulturbudget. Keiner dieser Punkte ist mehr oder weniger wichtig, wenn es um unsere eigene Verantwortung geht oder auch darum, unser gesellschaftliches Potenzial auszuschöpfen. Aber bei jedem dieser Punkte schwindet unsere eigene Wirkmacht und steigt unsere Abhängigkeit von externen Faktoren wie Politik und Verwaltung. In anderen Worten: wir können bestimmen, wie wir unsere Ressourcen einsetzen – aber wir können nicht frei entscheiden, wie viel Ressourcen uns zur Verfügung stehen.
Verpufft die Kulturförderung im Verbrenner?
Noch immer heißt es, die grüne Wende wäre nicht möglich: zu aufwendig, zu kostspielig - einfach nicht realistisch. Braucht der Kampf gegen den Klimawandel erst einen Kulturwandel? Doch in Zeiten massiver Budgetkürzungen wird die Luft allgemein dünn - auch für den Klimaschutz. Dabei hat die Klimabewegung durchaus ein Auge auf die Kultur - und argumentiert gegen die Kürzungen im Sektor. Obendrein bietet die Jugend der Fridays for Future dann auch noch eine Bühne für Kunst und Kultur. Moment mal - sollte das nicht umgekehrt sein? Hat der Kunst- und Kultursektor im Kampf um das letzte Hemd vielleicht seine Visionen verloren? Und riskiert damit vielleicht auch seine gesellschaftliche Wirksamkeit? Ein Aufeinandertreffen aus Klima und Kultur.
"Schluss mit fossilen Förderungen" skandieren die Fridays for Future und beschweren sich darüber, dass gleichzeitig aber bei Kultur oder Sozialem gespart wird. Da wird plötzlich kulturpolitisch argumentiert - das ist ein bemerkenswerter Schulterschluss. Das Team der Fridays geht da von 5,1 Milliarden an Budgetkürzungen der Bundesregierung aus, findet aber gleichzeitig 5,7 Milliarden an Förderungen für fossile Brennstoffe. Moment mal - die werden gefördert?
Tatsächlich scheint der Schwung, der vor der Pandemie in der Klimabewegung vorhanden war, etwas abgeebt. Das Thema wurde von den Schulstreiks, die namensgebend immer am Freitag stattfinden, ganz groß auf die Agenda gesetzt.
Doch in der Pandemie war die Jugend genauso im Lockdown wie alle anderen - und auch danach ist es mit Massenveranstaltungen eher schwierig. Außerdem überschlug sich eine Vielzahl an internationalen Krisen und Katastrophen quasi im Wochentakt. In die Nachrichten zu kommen ist also ein gutes Stück schwieriger geworden. Die Bewegung war in der Breite gelähmt – ein Teil reagierte mit einer Strategieänderung: Aktionismus statt Mobilisierung. Das gefiel nicht allen, punktete aber wieder in die Aufmerksamkeitsökonomie.
Wer schweigt…
Im Kunst- und Kulturbereich war es hingegen still um das Thema. Es ist nicht so, dass sich nichts tut, nachhaltige Kulturarbeit hat viele Konzepte entwickelt. Aber erregt damit keine Aufmerksamkeit, denn sie beschäftigt sich mit sich selbst: Häuser neu isolieren, Mülltrennungs- und Mobilitätskonzepte, Green Events. Das ist nicht banal, das viel Arbeit, hier wurde auch Verantwortung wahrgenommen. Dazu kommt die Förderlogik. Hier hat sich eine neue Förderschiene aufgetan, auf die man in schwierigen Zeiten setzen wollte. Doch noch mehr als Förderungen wurden daraus Anforderungen, Standards, Nachweise, Kriterienkataloge. Ohne die entsprechenden Ressourcen ist das keine Transformation, es ist eine Zusatzlast in einem notorisch unterfinanzierten Sektor. Man hat es als weitere Professionalisierung betrachtet, man könnte es auch als Boomerang sehen. Erschöpfung statt Fortschritt.
Nachhaltigkeit als reine Compliance verliert ihre politische Kraft. Hier hat man womöglich die stärkste Währung verspielt, die Kultur zur Verfügung steht: die Vision. So gerät man in eine passive Position. Denn hier geht es darum, wie Politik auf den Sektor gewirkt - aber wo wirkt der Sektor noch auf die Politik? Ein Sektor, der um das Überleben bangt kommt zwangsläufig in die Defensive. Wer sich unter rechtfertigungsdruck fühlt, wird vorsichtig. Wer vorsichtig wird, riskiert wenig. Wer nicht riskiert, wird leise und unscheinbar. Das ist menschlich, aber trügerisch.
Wir beschwören gerne die Kreativität des Sektors, das aktionistische Potenzial Aufmerksamkeit zu erregen, Themen zu setzen, Impulse an die Gesellschaft zu senden. Es war aber ironischerweise die Letzte Generation, die mit Aktionismus im Kunst- und Kultursektor für Aufsehen gesorgt hat – mit Farbwürfen auf Gemälde hinter Plexiglas. Der lauteste Kulturmoment rund ums Klima kam von außen. Es war kein Angriff, es war eine Weckruf. Sie wollten uns nicht stören, sie haben uns an unsere Legitimation erinnert.
Kein Platz mehr für Visionen?
Nun muss die Jugend wieder – oder immer noch allein das Klima retten. Aber sie streckt der Kultur die Hand aus. Sie machen die Perspektive auf, dass öffentliche Förderungen unter anderem im Kultursektor gestrichen werden und indirekt im fossilen System landen. In den aktuellen Aktionen kritisieren sie die Kürzungen der Bundesregierung an den falschen Stellen, laden Kunst- und Kulturtätige zu Redebeiträgen auf den Demos ein und bieten hier also auch eine Bühne für Aufmerksamkeit. Das hat etwas Rührendes, aber auch etwas Beschämendes. Denn die Frage bleibt: Warum brauchen wir eine Einladung, um öffentlich zu werden? Warum arbeiten wir Checklisten ab, statt politisch, emotional, auch mal riskant zu werden? Vielleicht weil das Risiko nicht künstlerisch ist, sondern ökonomisch. Aber wenn wir das scheuen, dann sprechen wir nur mehr von Kreativität, solange sie nicht unbequem wird.
Aber wäre das nicht unsere Aufgabe? Vielleicht finden wir wieder Wege, uns weniger von unseren Ängsten, als von unseren Ideen treiben zu lassen. Denn Kunst und Kultur kann immer noch Geschichten und Narrative verändern, neue Bilder liefern. Sie kann Konflikte fühlbar machen, ohne zu simplifizieren. Sie kann Räume schaffen, in denen man echte Veränderungen anstoßen kann. Es ist eine Währung, die wir nicht verspielen sollten. Auch nicht für Geld.
Am Ende der Demo konnte ich meine eigene Rede noch halten. Ich habe aber auch einen Vormittag lang viele junge Leute gesehen, die den Mut nicht verloren haben. Und die bereit sind, alte müde, überarbeitete Menschen wie mich abzuholen. Das hat mir noch etwas anderes bewusst gemacht. Die Vision haben wir vielleicht vernachlässigt, aber Kunst und Kultur hat noch eine zweite große Stärke: die Inspiration.
Visionen statt Emissionen!
Gestalten statt verwalten!
Podcast: Demoreportage „Kulturwandel statt Klimawandel!“
In der begleitenden Audio-Reportage lernen sie Aktivistinnen von Friday for Future kennen: Was bewegt sie? Wie haben sie begonnen, sich zu engagieren? Und warum haben sie Kultur eine Bühne geboten? Und Patrick Kwasi überwindet sich doch noch zu einer Rede. Mit einem Plädoyer für einen Kulturwandel – im doppelten Sinne.
Podcast auf Spotify anhören! ![]()
Aber echt. Machst du auch „was mit Kultur“? Der Podcast der IG Kultur mit Patrick Kwasi.
Kultur macht Gesellschaft? Aber wer macht eigentlich Kultur? Was will ich hier eigentlich und was hat das Ganze mit mir zu tun? Patrick Kwasi von der IG Kultur zu Hoch-, Sub- oder auch mal Unkultur - aber jedenfalls immer persönlich mit den Leuten, die da auch drinstecken. Machst du eigentlich auch „was mit Kultur“?
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Patrick Kwasi macht „was mit Kultur“, sonst macht er auch was mit Medien. Er hat Medienkommunikation studiert und macht die Medienarbeit der IG Kultur. Meistens versucht er Dinge zu verknüpfen und hat am Ende mehr Fragen als Antworten.